Interview mit HVW-Präsident Hans Artschwager aus Hildrizhausen

Der DHB-Vize spricht über seine Reise nach Magdeburg, den ausgesetzten Spielbetrieb im Handball und die Wohngruppen im Waldhaus Hildrizhausen

Hans Artschwager aus Hildrizhausen ist gerade jetzt, in Zeiten des Coronavirus, an vielen Fronten gefordert: als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes, Präsident des Handballverbandes Württemberg und als Geschäftsführer im Waldhaus Hildrizhausen.

Artikel vom 16. März 2020 – 16:18

Von Michael Stierle

Hallo Herr Artschwager, in Ihrer Funktion als Vizepräsident des Deutschen Handballbundes hatten Sie für sich den Besuch des Länderspiels am Freitagabend in Magdeburg vorgesehen, das am späten Donnerstagabend abgesagt wurde. Wo hat Sie die Absage erreicht?

Das stimmt so nicht ganz. Ausgemacht war im Vorfeld des Länderspiels eine Präsidiumssitzung. Die hatte ich auch eingeplant, danach wäre ich aber sofort zurück nach Stuttgart, weil am gleichen Abend der Bezirkstag in Waiblingen stattfinden sollte, hätte mir das Länderspiel also gar nicht angeschaut. Danach aber haben sich die Ereignisse bekanntlich überschlagen. Ich hatte in kürzester Zeit allein 70 Telefon-Nachrichten auf meinem Handy.

Wie sahen denn genau Ihre Reisepläne aus?

Am Donnerstagabend bin ich nach Magdeburg geflogen . .

. . . mit welcher Gefühlslage sind Sie denn ins Flugzeug gestiegen? Die Zwei-Meter-Abstandsregel zu anderen Personen lässt sich dort kaum realisieren.

Na ja, ich bin nicht so erschrocken, hatte auch seit Jahren keine Grippe. Auf Flughäfen geht man größeren Ansammlungen halt aus dem Weg, und im Flieger war immer ein Sitz frei zwischen den Passagieren. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wer nur damit behaftet ist, kann keine rationalen Entscheidungen treffen, wie sie gerade von uns allen gefordert sind.

Was passierte am Freitag in Magdeburg?

Vormittags sollte der DHB-Ausschuss zusammenkommen, am Nachmittag das Präsidium. Wir haben uns dann aber sofort mit allen Präsidiumskollegen zusammengesetzt, um eine gemeinsame Linie wegen der Krise um den Coronavirus zu finden. Dazu haben wir uns auch mit den Kollegen in den Landesverbänden verständigt. In Rheinland-Pfalz beispielsweise wurde bereits begonnen, die Hallen zu schließen. Dazu war auch noch eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern vor Ort, die direkt aus dem Risikogebiet Südtirol kamen und in häusliche Quarantäne überstellt wurden. Man sieht, es ist viel auf einmal passiert. Wichtig war uns, mit einer Stimme zu reden – von der Bundesliga bis zu den Amateuren. Und sich dabei an den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts zu orientieren. Das ist uns mit der Aussetzung des gesamten Spielbetriebs bis 19. April auch gelungen.

Der Handballverband Württemberg, (HVW) dessen Präsident Sie sind, hatte bereits am Vortag in einer Pressemitteilung verkündet, alle Spiele bis einschließlich 19. April einzustellen. Hand aufs Herz, Sie waren auch selbst lange Jahre Trainer: Glauben Sie wirklich, dass die Mannschaften, von denen sicher auch die meisten der Empfehlung folgen, sämtliche Trainingsaktivitäten komplett herunterzufahren, nach diesem 19. April in der Lage sind, von Null auf Hundert wieder in den Spielbetrieb einzusteigen?

Ehrlich gesagt, daran zu glauben fällt mir persönlich in der Tat schwer. Zumal das Robert-Koch-Institut davon ausgeht, dass die Krise ihren eigentlichen Höhepunkt erst im Juni erreichen wird. Entscheidend für uns ist, eine über alle Ligen gemeinsame Lösung zu finden. Dazu braucht es Zeit, um darüber nachzudenken, und die haben wir jetzt erst einmal gewonnen. Dazu gehört, auch mal in die Satzung zu schauen, um festzustellen, ob gewisse Entscheidungen auch vor einem Sportgericht Bestand haben.

Gehört der Abbruch der aktuellen Saison zu den denkbaren Szenarien dazu?

Natürlich. So wie beim Eishockey oder Volleyball, dort wurde ganz konsequent vorgegangen. Diese Lösung suchen wir noch, die für ganz Handball-Deutschland gilt.

Mit welchen Folgen für die Auf- und Abstiegsregelung? Und was heißt das beispielsweise für die geplante Neueinführung einer Verbandsliga bei Männern und Frauen?

Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Nimmt man den aktuellen Tabellenstand, wäre das sicher ungerecht gegenüber den derzeitigen Tabellenletzten. Macht man einen Cut nach der Hinrunde, fängt man mit der Saison 19/20 im September noch einmal von vorne an? Dafür nehmen wir uns jetzt die Zeit. Wichtig ist, wie gesagt, dass die Entscheidung auch gerichtsfest sein wird.

Zum HVW gehören auch zahlreiche Bundesliga-Vereine. Haben Sie von dort schon Rückmeldungen bekommen, wie existenzgefährdend die aktuelle Lage mit auf einen Schlag ausfallenden Zuschauereinnahmen sein kann?

Einzelschicksale sind verständlich, aber in der momentan Situation geht es ausschließlich um die Gesundheit, da muss man vielleicht auch einmal unpopuläre Entscheidungen treffen. Und wenn ich lese, dass es in Stuttgart bis Sonntag 80 Corona-Infizierte gab, wäre es vielleicht doch besser gewesen, das Zweitliga-Spiel des VfB Stuttgart gegen Arminia Bielefeld nicht vor Publikum auszutragen. Ich bin dankbar, mit anderen Präsidenten wie Matthias Schöck vom Württembergischen Fußballverband oder Martin Walter von den Volleyballern in ständigem Austausch zu sein, um gemeinsam Dinge zu überlegen. Dazu gehört auch die Frage von Kurzarbeitergeld gerade bei den Bundesligisten. Außerdem brechen bei allen Vereinen so viele Veranstaltungen und damit auch Einnahmen weg, dass ich mir angesichts der von der Bundesregierung vorgestellten Hilfsmaßnahmen durchaus vorstellen könnte, das Jahr 2019 für die Vereine steuerfrei zu stellen. Das würde ihnen auf jeden Fall helfen.

Ganz anderes Thema: Im Hauptberuf sind Sie Geschäftsführer im Waldhaus Hildrizhausen, eine sozialpädagogische Einrichtung der Jugendhilfe. Wie wirkt sich die derzeitige Ausnahmesituation auf das Zusammenleben dort in den einzelnen Wohngruppen aus?

Im Moment ist es so, dass jeder irgendeinen kennt, der wiederum einen kennt, der aus einem so genannten Risikogebiet kommt. Wir werden die Verhaltensregeln auf jeden Fall verbindlich festlegen, das gilt auch für die Kollegen in der Familienhilfe, die sich vor ihren Besuchen auf jeden Fall noch einmal erkundigen sollen, ob Familienmitglieder derzeit erkrankt sind. Dazu sind wir angehalten, Vorkehrungen für eine eventuelle häusliche Quarantäne zu treffen. Wir können unsere Bewohner ja nicht heim schicken wie die Schulen und Kindertagesstätten das ab Dienstag machen, für sie ist das Waldhaus ihr Zuhause. Ich bleibe aber auch dabei, mit Bedacht an die Sache ranzugehen, auch noch einmal solch simple Dinge wie das Händewaschen einzuüben und in Ruhe entsprechende Mechanismen aufzubauen, sollte sich das Szenario weiter verändern, wovon leider auszugehen ist.

https://www.krzbb.de/krz_56_111858515-13-_Interview-mit-HVW-Praesident-Hans-Artschwager-aus-Hildrizhausen.html

Handballverband Württemberg: Verbandsjugendtag in Stetten im Remstal

Der scheidende Vizepräsident „Jugend, Schule, Bildung“ Edwin Gahai wurde mit der Silbernen Ehrennadel des Deutschen Handballbundes ausgezeichnet

Nach über drei Jahrzehnten im Ehrenamt beim Handballverband Württemberg (HVW) und zuletzt sechs Jahren als Vize-Präsident „Jugend, Schule, Bildung“ wurde am Wochenende in der Vereinshalle des TV Stetten Edwin Gahai (Oberstenfeld) aus seinen Verbandsämtern verabschiedet. Künftig will sich der 67-Jährige aber noch dem Traineramt in der Jugend und bei den Frauen 3 seines Vereins widmen, ansonsten aber kürzertreten. HVW-Präsident Hans Artschwager (Hildrizhausen) ehrte den langjährigen Weggefährten zum Abschied mit der Ehrennadel des Deutschen Handballbundes (DHB) in Silber.

Zum Verbandsjugendtag 2020 des HVW hatten sich trotz des sonnigen Wetters 60 Delegierte der Bezirke sowie einige Ehrengäste im Remstal eingefunden, die im ersten Teil eine aufschlussreiche und interessante Diskussion zum Thema „Mitgliedergewinnung“ sowie einige Ehrungen erlebten. Nach einem Impulsreferat per Video des terminlich verhinderten DHB-Vizepräsidenten und Präsidenten des Bayerischen Handballverbandes (BHV), Georg Clarke (Bad Tölz), kamen in der von Daniel Räuchle moderierten Talkrunde Tobias Müller (Pforzheim), der Vorsitzende der Baden-Württembergischen Sportjugend, der stellvertretende Vorsitzende der Württembergischen Sportjugend, Dirk Dietz (Affalterbach), Michael Daiber (Böblingen) vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden- Württemberg sowie Hans Artschwager, Vize-Präsident des DHB, zu Wort.

Georg Clarke nannte den HVW „Leuchtturm und Vorbild für andere Verbände, zum Beispiel mit dem Grundschulaktionstag und der Grundschulliga“. Sein Apell an die Württemberger: „Macht bitte so weiter! Ihr seid mit eurem Engagement Motor und Botschafter des Handballs in Deutschland!“

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Bild 2: Thomas Schadenberger (Vertreter der Bezirksvertreter der Jugend), seine Stellvertreterin Daniela Scala, Michael Daiber (neuer Vorsitzender Verbandsausschuss Jugend, Soziales, Bildung) und HVW-Präsident Hans Artschwager.
(Foto: HVW/Bermanseder) 
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Auch Tobias Müller nannte den „HVW vorbildlich“ und wies die Möglichkeiten auf, durch Bundesfreiwilligendienst oder Freiwilliges Soziales Jahr Handball an Schulen zu etablieren. „Wir müssen die Kinder und Jugendlichen dort abholen, wo sie sind – in den Schulen. Das kann gelingen!“ Auch Dirk Dietz sprach sich für mehr Kooperationen zwischen Vereinen und Schulen aus, „wir sollten zudem auch in Kindergärten und Vorschulen gehen“. Es wäre wichtig, Jugendliche an die Vereine zu binden, „auch als Helfer, Übungsleiter und Trainer“. Es sei jedoch ebenso wichtig, Erzieher und Lehrer an die Hand zu nehmen und mit dem Handball bekannt zu machen – „die Grundschulen sind unsere Zielgruppe“.

In Bezug auf die Kooperationen Schule / Verein, erklärte Michael Daiber, sei der HVW schon seit vielen Jahren ein verlässlicher Partner, „und dieser Leuchtturm Württemberg soll weiter und noch heller leuchten!“ Die Förderung der Integration sei zudem von Bedeutung, „aber wir müssen auch die Kinder fordern und fördern, die gut sind, und da sind wir mit der Einführung der Grundschulliga auf dem richtigen Weg“. Als Paradebeispiel nannte er „Jugend trainiert für Olympia“, das bereits im 50. Jahrstehe. Hans Artschwager unterstrich die Bedeutung von Vorbildern für den Nachwuchs, „beim AOK- Startraining sollen Bundesliga- und Nationalspielerinnen in ihre ehemaligen Schulen gehen, dadurch schaffen wir eine größere Basis“.

Die Silberne Ehrennadel des HVW gab es anschließend aus den Händen von Hans Artschwager für Norwin Pollich (Backnang), den Vertreter der Bezirksvertreter der Jugend und stellvertretenden Vorsitzenden des Verbandsausschusses „Jugend, Schule, Bildung“ (VAJSB). Mit der Ehrennadel des DHB in Bronze zeichnete der HVW-Präsident Rosemarie Keller (Bietigheim-Bissingen), die Referentin für Kinderhandball und Nachwuchsgewinnung im VAJSB aus. Der scheidende Edwin Gahai wurde mit der DHB-Ehrennadel in Silber dekoriert. Gahai hatte zuvor den Mitgliedern seines Ausschusses, Norwin Pollich, Stefanie Skenderovic (Stuttgart), Alexander Schurr (Tübingen), Rosemarie Keller und Nico Kiener (Herrenberg) sowie den Projektleitern Markus Scherbaum (Neuhausen/Filder), Thomas Krombacher (Esslingen), Florian Beck (Ostfildern), Till Fernow (Stuttgart) und Stephan Christ (Stuttgart) für ihre Unterstützung in den vergangenen Jahren ganz herzlich gedankt.

Im parlamentarischen Teil des Verbandsjugendtages übernahm Karl-Heinz Helber (Oberstenfeld), Mitglied im Verbandsausschuss Recht, die Versammlungsführung. Nach dem Rechenschaftsbericht des VAJSB, vorgetragen durch Edwin Gahai, beantragte Helber die Entlastung des gesamten Gremiums, die einstimmig erteilt wurde. Ebenso einstimmig erfolgten die Wahlen, hier wurde Michael Daiber zum neuen VAJSB-Vorsitzenden, Thomas Schadenberger (Nordheim) zum neuen Vertreter der Bezirksvertreter der Jugend und Daniela Scala (Stuttgart) zu seiner Stellvertreterin gewählt. Karl-Heinz Helber gab dann noch die Namen der bereits gewählten Jugendsprecher bekannt, es sind Daniela Pantleon (Bettringen) und Jonas Hauser (Meßstetten).

Als Delegierte der Jugend beim am 16. Mai in Holzgerlingen stattfindenden Verbandstag des HVW wurden nominiert: Jonas Hauser, Christian Schock (Lauffen), Oliver Rossnagel (Beilstein), Klaus Konrad (Backnang), Julia Püngel (Stuttgart), Barbara Samer (Pfedelbach-Windischenbach), Janina Pernesch (Neuffen) und Tobias Müller. Beim Landessportjugendtag (25. April 2020 im SpOrt Stuttgart) vertreten Daniela Scala, Michael Laufer (Fellbach), Ralph Geiger (Ditzingen), Oliver Rossnagel, Rudi Wintterle (Möglingen), Ina Hermann (Alfdorf), Lisa Mühleisen (Fellbach) und Tamara Franke (Weinstadt) als Delegierte die HVW-Jugend.

Der Handballverband Württemberg ist mit rund 90.000 Mitgliedern – davon zirka 40.000 Kinder und Jugendliche – der zweitstärkste Landesverband im DHB.

DHB-Vizepräsident Hans Artschwager im Video-Interview der SportRegion Stuttgart

„SPORT UND POLITIK“ lautet das Jahresmotto 2020 der SportRegion Stuttgart. In Zusammenarbeit mit RegioTV werden diverse Videos produziert. In der 1. Folge kommt der Handball-Funktionär Hans Artschwager zu Wort. Der Präsident des Württembergischen Handball-Verband ist zudem auch Vize-Präsident des Deutschen Handballbundes, er sprach am Rande des „Deutschland Cups“ der weiblichen Jugend mit RegioTV und betont beispielsweise angesichts des „Grundschulaktionstags“ die Vorreiterrolle, in der sich der HVW vor allem im weiblichen Nachwuchsbereich sieht.
Quelle: https://www.handball-world.news/o.red.r/news-1-1-77-122098.html

Video der SportRegion Stuttgart:

Magdalena Probst – ein Vorbild für den Handball-Nachwuchs

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/SWR-Aktuell-BW-Wochenende-Magdalena-Probst-als-Vorbild-fuer-den-Handball-Nachwuchs,av-o1189171-100.html

Zum zweiten Mal findet an diesem Wochenende der „Deutschland-Cup“ des weiblichen Handballnachwuchses statt. 16 Auswahlmannschaften aus ganz Deutschland spielen im Großraum Stuttgart um den Titel. Ausrichter ist der Handballverband Württemberg und Baden-Württemberg ist auch Titelverteidiger. Wie steht es um den weiblichen Handballnachwuchs? Michael Bollenbacher ist dieser Frage nachgegangen.

aus der Sendung vom Sa, 11.1.2020 19:30 Uhr, SWR Aktuell Baden-Württemberg, SWR Fernsehen BW

Warum Zentralismus?

»Das ist ein Meilenstein« – DHB-Präsident Andreas Michelmann

Der Deutsche Handballbund soll straffer organisiert werden. Die Widerstände sind groß

Von Oliver Rast Ausgabe vom 27.12.2019, Seite 16 / Sport

Der Deutsche Handballbund (DHB) hat rund 750.000 Mitglieder und eine Führung, die nicht erst seit gestern eine Strukturreform durchsetzen will. Seit 2017 ist das ihr erklärtes Ziel. Die Gründe liegen auf der Hand. Wenn die Strukturen der Sportverbände oft undurchsichtig sind, gilt das für den deutschen Handball in besonderem Maße. Er ist noch föderaler strukturiert als die Bundesrepublik. Nordrhein-Westfalen verfügt über drei Landesverbände: Westfalen (Dortmund), Mittelrhein (Köln) und Niederrhein (Düsseldorf), genauso Baden-Württemberg: Württemberg (Stuttgart), Nordbaden (Karlsruhe) und Südbaden (Freiburg). Im vergangenen Herbst fasste das zweithöchste DHB-Gremium, der Bundesrat, nun einen Grundsatzbeschluss. Es soll eine Strukturreform geben.

Der Beschluss werde von DHB, Landes- und Ligaverbänden in großer Einigkeit getragen, erklärte DHB-Präsident Andreas Michelmann Ende Oktober: »Das ist ein Meilenstein, um den Handball fit für die Zukunft zu machen«. DHB-Vize Hans Artschwager frohlockte gar, der Beschluss folge dem Leitspruch »Wir sind alle der DHB«. Bis März sollen nun drei Arbeitsgruppen (Leistungssport, Mitgliedergewinnung, Finanzierungsideen) konkrete Schritte vorschlagen, die mit letzten Modifikationen im Mai einem außerordentlichen DHB-Bundesrat zur Abstimmung vorgelegt werden. »Ziel ist, dass die Strukturreform ab 2021 in Kraft treten kann«, heißt es seitens des DHB. Zu erwarten sind Interessenkonflikte, Kompetenzgerangel und eine Menge kniffliger Detailfragen – der Zeitplan scheint sehr optimistisch.

Das beginnt schon bei der Finanzierung der Reform, die etwa drei Millionen Euro kosten soll. Das Präsidium um Michelmann wollte das Geld über Lizenzgebühren der Landesverbände (LV) zusammenbringen. Wilhelm Barnhusen, Präsident des mitgliederstärksten LV Westfalen (der mannschaftsstärkste ist der niedersächsische) sagte dazu im jW-Gespräch: »Damit gewinnt man keine neuen Mitglieder, damit verliert man welche.« Die DHB-Spitze scheint inzwischen von ihrem Ansatz abgerückt zu sein: »Ich will gar nicht über das Lizenzmodell sprechen«, sagte Michelmann unwirsch der Magdeburger Volksstimme vom 6. Dezember.

Eine Alternative wäre der »Sport-Groschen«, ein Aufschlag auf Tickets der ersten und zweiten Bundesliga. Die Handballiga (HBL), die den Spielbetrieb organisiert, zeigte dafür wenig Verständnis: »Wir sind jetzt schon ein maßgeblicher Geldgeber des DHB«, erklärte HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann gegenüber Handball inside (Ausgabe 5/2019). »Wir als HBL brauchen diese Reform nicht. Wir können den Spitzensport theoretisch auch mit 20.000 bis 30.000 Handballern entwickeln.«

Ein anderer Streitpunkt sind die Landesverbände. Steffen Müller, Präsident des LV Sachsen-Anhalt, erklärte auf jW-Nachfrage: »Das DHB-Arbeitspapier ›Perspektive 2020+‹ beinhaltet unter anderem eine Absichtserklärung zur Reduzierung der Zahl der Landesverbände.« Mehr sagte Müller erst einmal nicht – auch in dieser Region ist das ein Minenfeld. Müller: »Solange sich die politischen Strukturen und die unterschiedlichen Voraussetzungen in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen nicht ändern, kommt schon aus Machbarkeitsgründen eine Zusammenlegung nicht in Betracht.« Wenn sich zunächst die Landesverbände jedes Bundeslandes zusammenschlössen, wäre das ein erster, einfacher umsetzbarer Schritt mit identischen Landessportbünden und zuständigen Ministerien, meinte Müller. Letztlich liege die Entscheidung über Fusionen allein bei den Mitgliedern der Landesverbände.

Aber weder in NRW noch im Musterländle scheinen Fusionspläne aktuell ein Thema zu sein. Eine Reduktion werde es geben müssen, räumte Barnhusen zwar ein. Nur: »Unser Landesverband ist allein groß genug, um selbständig zu bleiben.« Ähnlich äußerte sich Thomas Dietrich, Geschäftsführer des Handballverbands Württemberg, gegenüber jW: »Wir setzen auf eine gute Zusammenarbeit, nicht gleich auf eine Fusion.« Einen gemeinsamen Spielbetrieb gebe es in der viertklassigen BaWü-Oberliga.

Barnhusen verweist auf das nichtzentralistische Verbandsmodell im DHB, auf die Abhängigkeit der Bezuschussung der Landesverbände durch einzelne Institutionen wie im Fall des Saarlands: Der Handballverband Saar wird durch Saar Lotto gefördert, würde bei einer Verschmelzung beispielsweise mit dem Pfälzer Handballverband seine Finanzierungsquelle verlieren.

Die Reihe der Streitpunkte ließe sich fortsetzen. Michelmann: »Wir als DHB werden das Geld nur noch in zehn Regionen hineingeben und nicht mehr an jeden Landesverband.« Auch hier droht Ungemach. Müller kennt bislang kein belastbares Konzept zu den Förderregionen. »Einige Fragen sind offen, etwa: Was sollen die Vorteile für die Landesverbände sein? Welche Aufgaben können mit welchem Mitarbeiterstab in den Regionen erledigt werden?«

Straffer sollen DHB und Unterbau nach dem Willen der Verbandsspitze werden. Vieles existiert aber erst an der Pinnwand.

https://www.jungewelt.de/artikel/369479.handball-warum-zentralismus.html

BRÜGMANN WEITER VORSITZENDER DES FDDH

DHB-Vizepräsident Hans Artschwager mit Johannes Weber, Kay Brügmann, Elke Meier und DHB-Vizepräsident Georg Clarke (von links). – Foto: Schlotmann

Kay Brügmann führt drei weitere Jahre den Freundeskreis des Deutschen Handballs. Die Mitglieder bestätigten ihn am Sonntagmorgen während der Mitgliederversammlung am Rande des Rewe Final Four um den DHB-Pokal in der Funktion des Vorsitzenden.

Neuer stellvertretender Vorsitzender, zugleich zuständig für den Bereich der Kommunikation, ist Johannes Weber. Kassenwartin bleibt Elke Meier. Komplettiert wird der Vorstand durch Georg Clarke, Vize-Präsident des Deutschen Handballbundes und Vorsitzender der Jugendkommission. Clarke ist kraft Amtes Mitglied des Vorstandes.

Zu Kassenprüfern wählte die Versammlung Sabine Schickedanz, Arno Dickel und Christian Trahan. Mitarbeiter in der Lenkungsgruppe wird auch Karl-Heinz Breuch. „Mit besonderen Aufgabenbereich“, erklärte Brügmann Sonntagmorgen in Hamburg.

Für den Deutschen Handballbund begleitete Vizepräsident Hans Artschwager, zugleich Vorsitzender der Konferenz der Landesverbände des Deutschen Handballbundes und Präsident des Handball-Verbandes Württemberg, die Zusammenkunft. Artschwager würdigte das Engagement der Förderer um die Projekte der deutschen Handballjugend; insbesondere das um Schulprojekte, um Projekte, die der Entwicklung neuer Spielbewegungsformen dienen, um die Deutschland-Cups sowie die Förderung von Jungschiedsrichtern.

Im Beisein der Präsidenten der Landesverbände Hamburg und Schleswig-Holstein, Knuth Lange und Dierk Petersen, berichtete der Württemberger über die Arbeit in Präsidium und Vorstand, erinnerte an die Handball-WM der Männer im Januar in Deutschland und in Dänemark. „Jetzt sind wir gefordert, Strukturen aufzubauen, diesen Schwung in die Mitgliederentwicklung unserer Verbände und Vereine mitzunehmen.“ Er forderte die Mitglieder des Freundeskreises des Deutschen Handballs auf, diese Arbeit zu unterstützen.

In seinem Jahresbericht sprach Kay Brügmann von einer Summe in Höhe von 500.000 Euro, mit der der Freundeskreis seit seiner Gründung Ende des Jahres 2019 die deutsche Handballjugend unterstützt haben wird. Im Jahr 2019 werden demnach 27.550 Euro ausgeschüttet.

Einstimmig folgte die Versammlung am Sonntag dem Vorschlag des Vorstandes, Alwin Niensteen zum Ehrenmitglied zu ernennen. Brügmann: „Alwin Niensteen steht dem Vorstand seit nunmehr über 20 Jahren beratend zur Seite. Er ist immer da, wenn es um den Jugendhandball geht.“

Begeisterung wächst

Albstadt. „Lauf Dich frei! Ich spiel Dich an!“ lautet das Motto des HVW-Grundschulaktionstags, an dem rund 550 Schulen in Baden-Württemberg am Freitag, 11. Oktober, von 9 bis 13 Uhr teilnehmen. Darunter sind vier Albstädter Grundschulen mit etwa 150 Zweitklässlern, die von den Mitgliedern der Handballabteilung der HSG Albstadt betreut werden.

Der Grundschulaktionstag ist ein gemeinsames Projekt der Handballverbände aus Württemberg (HVW), Baden (BHV) und Südbaden (SHV) und entstand aus dem „Tag des Mädchenhandballs in der Schule“, als der HVW das Jahr 2009 zum „Jahr des Frauen- und Mädchenhandballs“ erklärte. Erst ab 2010 durften auch die Jungs beim Grundschulaktionstag mitspielen.

Die Handballbegeisterung in den Grundschulen des Landes nahm Jahr für Jahr zu, und 2018 legten fast 30 000 Mädchen und Jungen der zweiten Klassen aus 551 Schulen am Grundschulaktionstag das AOK-Spielabzeichen ab.

Andere Landesverbände machen es nach

„Unser Konzept hat sich im Laufe der Jahre so erfolgreich entwickelt, dass andere Landesverbände und auch der Deutsche Handballbund den Grundschulaktionstag übernommen haben“, freut sich HVW-Präsident Hans Artschwager, der auch Vize-Präsident des Deutschen Handball-Bundes ist. „Wir müssen den Kindern bereits in der Grundschule den Handballsport nahebringen, schließlich ist die Konkurrenz unter den Sportarten größer geworden.“

Sechs Koordinationsstationen gilt es an diesem Vormittag für das AOK-Spielabzeichen zu absolvieren, außerdem können die Kinder bei der Spielform „Aufsetzer-Handball“ ihre Geschicklichkeit demonstrieren. „Ich bin immer wieder beeindruckt, dass wir an diesem Tag so viele Kinder erreichen und sie in spielerischer Form den Handballsport kennenlernen können“, erklärt Artschwager.

Die Vereine leisten den Löwenanteil der Arbeit 

Sein Dank gilt allen beteiligten Schulen und „ganz besonders unseren Vereinen, die an diesem Vormittag ehrenamtliches Personal stellen und den Tag gemeinsam mit den Schulen organisieren und durchführen“. Der Grundschulaktionstag findet in enger Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg sowie unter der Schirmherrschaft von Kultusministerin Susanne Eisenmann statt. Unterstützt wird er von der AOK Baden-Württemberg.

https://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.albstadt-begeisterung-waechst.3324e047-a139-4dd2-834d-804823f42a8b.html

Die Preisträger des Wettbewerbs Sport & Nachhaltigkeit des Landes Baden-Württemberg stehen fest

Handballverband Württemberg e.V. belegt den 2. Platz

Am vergangenen Freitag, 17.05.2019, wurde im Rahmen des Nachhaltigkeitskongresses in der Sparkassenakademie in Stuttgart der Nachhaltigkeitspreis für Sportverbände vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg und dem Landessportverband Baden-Württemeberg verliehen. Den Preis hat Umweltminister Franz Untersteller gemeinsam mit Elvia Menzer-Haasis, Präsidentin des Landessportverbandes Baden-Württemberg übergeben. 

Sieben Verbände haben es geschafft, die Jury mit ihren guten Ideen zu überzeugen und wurden mit Preisgeldern in Höhe von ingesamt 86.700 € belohnt.

Einer dieser sieben Verbände ist der Handballverband Württtemberg, welcher den 2. Platz belegt hat und sich über ein Preisgeld 8.700 € freuen darf. 

Eine Übersicht über die Preisträger mit ihren Projekten finden Sie hier

Weitere Informationen zur „N!-Charta Sport“ der Nachhaltigkeitsstrategie des Landes Baden-Württemberg finden Sie hier

v.l.n.r. LSV-Präsidentin Elvira Menzer-Haasis, HVW-Präsident Hans Artschwager und Umweltminister Franz Untersteller (Quelle: Jan Potente).

Auf dem Foto sehen Sie v.l.n.r. LSV-Präsidentin Elvira Menzer-Haasis, HVW-Präsident Hans Artschwager und Umweltminister Franz Untersteller (Quelle: Jan Potente).

Hans Artschwager bei der WM: Mittendrin im großen Handball-Zirkus

Der HVW-Präsident aus Hildrizhausen ist bei der Weltmeisterschaft im Einsatz

von Vanessa Frey, 26. Januar 2019, Kreiszeitung Böblinger Bote

Deutschland ist im Handball-Fieber. Volle Hallen, spannende WM-Spiele und herrlich bodenständige Akteure lassen die Herzen der Zuschauer höher schlagen. Mittendrin im Handball-Zirkus: Hans Artschwager aus Hildrizhausen, Geschäftsführer der Waldhaus Jugendhilfe und Präsident des Handballverbandes Württemberg.

HILDRIZHAUSEN. Eben diesen vertrat er in verschiedenen Arenen bei der Weltmeisterschaft, ob in Berlin, München, Köln oder Hamburg. Hans Artschwager war mittendrin und hatte dabei die Möglichkeit, einige interessante Bekanntschaften zu machen.

Als seine Reise vor zwei Wochen begann, stand er allerdings vor dem ersten Hindernis. Aufgrund der Streiks vieler Fluglotsen wurde sein Flug von Stuttgart nach Berlin zum Eröffnungsspiel der deutschen Nationalmannschaft gestrichen. „Da musste ich spontan mit dem Auto fahren, im größten Schneechaos“, berichtet Hans Artschwager schmunzelnd. Von der Bundeshauptstadt ging es anschließend zum südlichsten Austragungsort nach München, dort verbrachte der Hildrizhausener die komplette Vorrunde. Kroatien, Spanien, Island, Mazedonien, Japan und Bahrain kämpften dort um Punkte. „Als Mitglied des DHB-Präsidiums war ich unter anderem für die Verbandspräsidenten der anderen Nationen zuständig“, berichtet der ausgewiesene Handballexperte.

Aber nicht nur Funktionäre schauten in der Olympiahalle vorbei. Bayrische Fußballprofis der jeweiligen Nationen übernahmen in ihrer eigenen Winterpause die Ehrungen der jeweiligen Spieler des Spiels. „So waren beispielsweise Javier Martinez und Niko Kovac vom FC Bayern München zu Besuch, oder auch der Isländer Alfred Finnbogason aus Augsburg. In meinen Augen eine tolle Idee, die eine zusätzliche Begeisterung bei den Zuschauern geschaffen hat“, freute sich Artschwager über die interessanten Begegnungen. Ursprünglich hatten Handballexperten mit dem Standort München als Spielort große Bedenken. Doch die Weltmeisterschaft zog mehr Besucher an als erwartet. „Das lag hauptsächlich an den kroatischen Fans, aber auch die Isländer und die mazedonischen Zuschauer haben für viel Farbe in der Halle gesorgt“, ist der Waldhaus-Geschäftsführer zufrieden, „die Blaskapelle Isar-Spatzen hat das Publikum zusätzlich angeheizt, natürlich auf die ganz eigene, bayrische Weise.“

Doch einer der schönsten Momente für Hans Artschwager ereignete sich während des Spiels Mazedonien gegen Island. „Der Sieger dieser Partie ist in die Hauptrunde eingezogen. Während des Spiels saß ich neben dem isländischen Verbandspräsidenten“, schildert er. Und weiter: „Mitten im Spiel drehte dieser sich zu mir um und schlang mir einen isländischen Fan-Schal um den Hals, das sollte seiner Mannschaft Glück bringen.“ Island gewann, den Schal durfte Hans Artschwager anschließend behalten. „Gegen Deutschland habe ich ihn natürlich nicht getragen“, sagt er lachend.

Denn nachdem die Vorrundengruppe ausgespielt worden war, ging es für den kompletten Tross, bestehend aus Mannschaft und Funktionären, zur Hauptrunde nach Köln. „Da ist eine richtige Welle von München und Berlin in die LANXESS-Arena zur Hauptrunde geschwappt. Der Bann der Weltmeisterschaft war ungebrochen und auch dort waren alle Tickets fast restlos ausverkauft.“ Im Vergleich zum großen Bruder Fußball könne der Handball mit anderen Werten begeistern. „Nahbar, teamorientiert und erfolgreich, diese Merkmale schaffen aktuell eine riesen Identifikation zu unserem Sport“, weiß der Hildrizhausener.

Fans sind noch viel näher an den Emotionen dran als 2007

Selten war der Hype um die deutsche Handballnationalmannschaft so groß. „Wobei das sicherlich auch mit den heutigen Social-Media-Kanälen zu tun hat“, ist sich Hans Artschwager sicher. „Dadurch können die Fans noch größere Emotionen wahrnehmen, als es zum Beispiel 2007 der Fall war.“

Nach einem kurzen Übergang ins Tagesgeschäft im Waldhaus unter der Woche ging es für Hans Artschwager gestern dann auch endlich mit dem Flugzeug zu den Halbfinalspielen nach Hamburg. „Die morgigen Finalspiele kann ich mir natürlich auch nicht entgehen lassen.“ Mit einem Zubringerbus geht es heute schon in Richtung Dänemark zum Austragungsort des Finales in Herning. Für Hans Artschwager ist die Handball-Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark aber auch schon vor dem Schlussakkord am Sonntagabend ein voller Erfolg: „Wenn man wahrgenommen hat, wie überall über unseren Sport gesprochen wurde, welche Aufmerksamkeit wir aktuell bekommen, dann kann man nur zufrieden sein.“

https://www.krzbb.de/krz_56_111653237-13-_Hans-Artschwager-bei-der-WM-Mittendrin-im-grossen-Handball-Zirkus.html?archiv=1

Wo sind die Khediras, Özils oder Boatengs?

Anders als König Fußball hat der Handball für Zuwanderer in Deutschland keinerlei Strahlkraft. Spieler mit Migrationshintergrund sind in der zweitwichtigsten Teamsportart Mangelware. Woran liegt das?

von Jürgen Frey,  17.01.2019, Stuttgarter Nachrichten

Stuttgart – David ist 14 Jahre alt. Er spielt in der C-Jugend bei Frisch Auf Göppingen im linken Rückraum. Aaron steht im Tor, im Feld hat er Tim, Niklas, Cornelius, Julian und Jannis neben sich. David spielt auch Fußball beim FV Faurndau. Dort hießen seine Mitspieler beim letzten Hallenturnier Giacomo, Theodoros, Melih, Vasile, Oktay und Giuseppe. David ist in beiden Sportarten mit gleicher Leidenschaft am Ball. Er fühlt sich in beiden Teams gleich wohl. Dass er im Fußball im krassen Gegensatz zum Handball der einzige Spieler ohne Migrationshintergrund ist, spielt für ihn überhaupt keine Rolle. 

In der deutschen Handball-Nationalmannschaft heißen Spieler Lemke, Böhm und Strobel. Foto: AFP

Das Beispiel von der Basis zeigt vielmehr, dass sich in der zweitwichtigsten Teamsportart die gesellschaftliche Vielfalt nicht widerspiegelt. Auch in der deutschen Handball-Nationalmannschaft fahndet man vergeblich nach Spielern, deren Biografien an Fußballkollegen wie Jerome Boateng, Mesut Özil oder Sami Khedira erinnern. Lediglich die Eltern von Kreisläufer Patrick Wiencek stammen aus Polen. Bei den französischen Handballern ist das ganz anders: Sie profitieren traditionell stark von Profis, die aus ehemaligen Kolonien wie La Reunion oder Guadeloupe stammen. 

Studien belegen: Handball wird von Migranten nahezu ignoriert

Regionale Studien in Bielefeld und Duisburg belegen, dass Handball für Zuwanderer keine Strahlkraft hat. Knapp 60 Prozent der Migranten spielen Fußball, danach folgen mit riesigem Abstand Kampfsportarten (14 Prozent) und Turnen (zehn Prozent). Nur drei Prozent spielen Handball. Die Sportart wird bei Migranten also nahezu ignoriert. Woran das liegt? 

Ein Teil der Antwort ist einfach. Der Stellenwert der Sportart in den Herkunftsländern ist nun mal gering, die Eltern sind ohne Handball aufgewachsen. „Ein Afrikaner schickt seinen Sohn nun eben nicht zum Eishockey und auch nicht zum Handball. Auch in der Türkei fristet der Handball ein Schattendasein. Die motorisch begabten Kinder gehen zum Fußball. Zumal ein später damit möglicherweise verbundener sozialer Aufstieg dort am lukrativsten ist“, sagt der Sportwissenschaftler Rolf Brack. Hinzu kommt, dass es eine ungezwungene Straßenspielkultur wie im Fußball oder Basketball nicht gibt. Der frühere Frauen-Bundestrainer Dago Leukefeld gibt noch zu bedenken: „Die Handball-Regeln sind einfach auch zu kompliziert.“ 

Philosoph Eilenberger hat den Handballsport als „kartoffeldeutsch“ beschrieben

Der zweite Teil der Antwort, warum Sportler mit Migrationshintergrund im Handball so gut wie keine Rolle spielen, ist komplexer. Wird das Thema vom Deutschen Handball-Bund (DHB) vernachlässigt? Gibt es keine wirkungsvollen Integrations-Initiativen? Vor zwei Jahren hat der Berliner Philosoph Wolfram Eilenberger in einer Kolumne für „Zeit Online“ dieses Thema bewusst zugespitzt und provokativ aufgegriffen – und erhielt wütende Reaktionen. Als „völkisch homogen“ und „kartoffeldeutsch“ hat er den Handball beschrieben, als „konservatives Provinzvergnügen“. Zwischen den Zeilen las sich das, als würden die Vereine Migranten bewusst ausschließen. Das ist nicht der Fall, meint die Sportsoziologin Carmen Borggrefe von der Universität Stuttgart im Gespräch mit unserer Zeitung. Dennoch ziehen Vereine unbewusst Grenzen, indem sie Werte beanspruchen, die als typisch Deutsch gelten: Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Authentizität. „Auf Internetseiten der Vereine sieht man oft nur blonde, autochthon aussehende Kinder“, sagt Carmen Borggrefe. „Indirekte Fremdexklusion“, nennt sie dies. 

Herrscht im Handball etwa eine gewisse Arroganz vor, es auch ohne die Kinder mit Migrationshintergrund hinzubekommen? Hans Artschwager dementiert dies ganz energisch. Der Präsident des Handball-Verbandes Württemberg (HVW) betont vielmehr: „Wir brauchen die Kinder dringend. Denn diese Gruppe wird wegen des demografischen Wandels für die Mitglieder- und Talentrekrutierung immer bedeutender.“ 2009 hatte der DHB noch über 847 400 Mitglieder und wollte die Eine-Million-Schallmauer durchbrechen. Inzwischen geht es nur noch darum, nicht unter die aktuelle Zahl von rund 757 500 Mitglieder abzurutschen. „Es geht einzig und allein über die Schulen. Sie sind ein Raum des Vertrauens. Dort müssen wir die Eltern mitnehmen“, sagt Artschwager. Der Verein habe diesen Vertrauensvorschuss bei Familien mit Migrationshintergrund nicht. Das Problem: Handball findet in der Schule fast gar nicht statt.

Zumindest der TVB Stuttgart sucht nach konstruktiven Lösungen

Der TVB Stuttgart hat dieses Problem erkannt. Der Bundesligist bietet jeder Schule im Großraum Stuttgart eine Schnupperstunde mit einem seiner Profihandballer an. Außerdem lädt der Club die Kinder zu einem Heimspiel ein. „Ich finde das gehört zu den Aufgaben eines Proficlubs“, sagt TVB-Trainer und -Geschäftsführer Jürgen Schweikardt. Sein Club hatte zwei Jahre lang optimale Voraussetzungen. In Torwart Yunus Özmusul (2015/16) Linkshänder Can Celebi (2016/17) spielten zwei Türken im Verein. „Das hat sich aber nicht signifikant ausgewirkt“, erklärt Schweikardt. Weder auf Zuschauerzahlen noch auf die Zahl der Mitglieder im Verein. 

Im Gegensatz zu Fußballern wie Mesut Özil oder Ilkay Gündogan sind die Handballer in ihrer Heimat eben keine Stars. Dennoch wäre es wichtig, solche Spieler in ein Konzept einzubinden. „Die Person, die an die Schulen geht, darf nicht mit unserem Blickwinkel rangehen, sondern muss wissen, wie der Nachwuchs in dem jeweiligen Kulturkreis tickt“, betont Artschwager, der als Geschäftsführer der sozialpädagogischen Einrichtung Waldhaus in Hildrizhausen bisweilen mit 90 jugendlichen Flüchtlingen zu tun hat. Zwei konnte er für den Handball gewinnen. „Ich hätte es leichter, eine Cricketmannschaft zusammenzubekommen, als ein Handballteam“, sagt Artschwager, kämpft aber weiter. 

Martina Haas, im DHB-Präsidium für die Mitgliederentwicklung zuständig, befasst sich mit dem Zugehen auf Menschen mit einer Einwanderungsgeschichte. „Wir gehen es in drei Pilotregionen in Deutschland konkret an und wollen den Vereinen konkrete Handlungsmöglichkeiten in Verbindung mit den Schulen geben“, erklärt Haas. Wissenschaftler jedenfalls fordern eine Offensive des DHB in Form von verpflichtenden Fortbildungen in den Vereinen zum Thema IntegrationEine begeisternde Heim-WM kann für das Werben an der Basis mit Sicherheit nicht schaden.

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